Samstag, 12. Juni 2010

Ein Lob, ein Tadel und eine Reflexion

Russische Musik der Moderne im Societätstheater Dresden


Im Idealfall ist ein gelungenes Konzert wie ein gutes Essen: ausgewogen, aufregend-würzig, sättigend und dennoch Lust machend auf „mehr“. Die Speisen anderer Länder erfreuen sich dabei in Deutschland seit Jahren großer Beliebtheit. Döner, Sushi & Co. sind längst Bestandteile des urbanen kulinarischen Repertoires geworden. Anders in der Musik: hier wird Idiomatisches anderer Länder seltener authentisch präsentiert, erst recht dann, wenn es sich statt um traditionelle Folklore um die aktuelle Kunstmusik handelt
.

Diesem Mißstand will die am Dresdner Societätstheater seit Jahren etablierte Konzertreihe „Global Ear“ entgegenwirken: nicht nur der Stil, auch das Instrumentarium anderer Kulturen wird vorgestellt und in den Kontext zeitgenössischer Kompositionen einbezogen. So verläßt man bei diesen Konzerten oft den Saal mit dem wohligen Gefühl im Bauch, ein ganz besonderes Gericht gekostet zu haben.
Insofern ist es lobenswert und eine Bereicherung, daß die Dresdner Musikfestspiele in ihre diesjährigen Rußland-Ausgabe auch ein Konzert von Global Ear integriert haben, das vom jungen Ensemble El perro andaluz gestaltet wurde. Rußland ist, vom Westen aus betrachtet, für viele Menschen ein großes, dunkles Unbekanntes, von dessen Kultur man in der Regel nicht viel mehr wahrnimmt als Tschaikowsky, Kosakenchöre und die großen russischen Ballette und Orchester.

Aufklärungsbedarf ist da also dringend nötig! Diesem Auftrag, den das Konzert am 2.6. zu erfüllen versprach, konnten es allerdings nicht wirklich einlösen. Immerhin bemühte man sich, mit einem Akkordeon-Duo (sehr mitreißend-gefühlvoll: Elena und Ruslan Krachkovski) ein „typisch russisches Instrument“ vorzustellen. Jedoch blieb die „Authentizität“ dieser Darbietung fragwürdig, da die beiden Solisten nicht etwa russische Bayans, sondern Instrumente deutschen Systems spielten. Fragwürdig auch die weitere Stückauswahl: Mit Tarnopolski und Schnittke waren immerhin zwei international rennomierte „Altmeister“ der russischen Moderne vertreten. Fast unfreiwillig komisch wirkte nebenbei die Bemerkung des Moderators, man hätte ins Programm auch ein Werk von Sofia Gubaidulina aufnehmen können – was man nicht tut, davon sollte man besser schweigen... Ansonsten fiel auf, daß die weiteren Werke des Abends (Ausnahmen: Tarnopolski und Schnittke) von Komponisten stammten, die man ehrlicherweise als „deutsch beeinflußt“ bezeichnen sollte, da sie entweder in Dresden oder anderswo in Deutschland studiert hatten und jahrelang in Deutschland gelebt haben oder noch leben. Wollte man da etwa gezielt eine Werkschau Dresdner (Ex-)Studenten veranstalten, oder war man zu kurzsichtig, um beim Blick über den Tellerrand wirklich Fremdes, Neues ausfindig zu machen? Wenn ein solches Konzert schon im Rahmen der Dresdner Musikfestspiele erscheint, hätte man erwarten dürfen, daß auch die Programmauswahl international Hochkarätiges berücksichtigt, statt nur vor der eigenen Haustür zu suchen. Wer will schon deutsche Maultaschen als russische Pelmeni vorgesetzt bekommen?

Dies alles wäre verzeihlich gewesen, hätten die dargebotenen Stücke entweder inhaltlich eine raffiniert abgeschmeckte Mischung ergeben oder einen thematischen Hintergedanken erkennen lassen. Dies suchte man jedoch beim Hören vergeblich. Wie der im Enführungsgespräch befragte Komponist Sergej Newski zugab, ist das Verhältnis der russischen Komponisten zur Tradition und Musikkultur ihres Landes oft schwer erkennbar oder definierbar. So nahm man als Zuhörer disparate Einzelstücke wahr, die nicht das gesuchte Gesamtbild „Rußland“ ergeben wollten.

Das erste Werk des Abends, Olga Rayevas „autumn street´s relief“, huschte und zuckte rasch vorbei, als betrachte man ein Glas voll tobender Mikroben unterm Mikroskop. Aus den vielen instrumentalen Aktionen entstand eine bewegliche Fläche, von der sich reliefartig Einzelgesten abhoben. Wenn diese Komposition auch in ihrer Kürze eher ein Appetithappen darstellte, hinterließ sie immerhin den Eindruck von Spannung und Ausdruckswillen. Das nächste Stück, „Influenzas“ von Bowen Liu, stellte dagegen in Spannung und Umfang das genaue Gegenteil zu Rayevas nervöser Miniatur dar. Hier probierte sich ein Komponist in der „Gewürzeküche“ der Formen und Klangkombinationen aus: ein bißchen hiervon, ein bißchen davon... Eingerahmt von Tamtamschlägen entfaltete sich ein Tableau meist verwandter musikalischer Gedanken. Varianten in Instrumentation und Satztechnik – mal als Dialog weniger Instrumente, dann polyphon oder als Klangflächen – brachten nur kurzfristig Auflockerung und Spannungsmomente in den Ablauf. Sowohl klanglich als auch vom dramatischen Gesamtkozept verriet „Influenzas“ keine zwingend logische Konzeption. Das Ensemble bot einen durchwegs homogenen, wenig changierenden Klangeindruck – mehr eine Gesamtmischung als Betonung einzelner Facetten. Man konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, daß selbst die Musiker sich nach dem x-ten Tamtamschlag zu fragen schienen: wie oft kommt das noch?

Eine bewußt vom Komponisten so benannte Suche war das sich anschließende Stück „Blindenalphabet“ von Sergej Newski. Newski, der die haptische Komponente seiner Komposition betonte, verkannte allerdings, daß sich Blinde auch ohne Sehen hervorragend über Tast- und vor allem Gehörsinn orientieren. Sein Stück blieb dagegen in einer unbestimmten Grauzone aus wenig konturierten Instrumenalklängen. Die Spieler schienen auf ihren Instrumenten genauso nach Orientierung und Eindeutigkeit zu suchen wie der Dirigent, der mit großen ausladenden Bewegungen im Klangnebel wühlte. Derneinzigen roten Faden bildete die Stimme des Akkordeons, dessen hingetupfte Akkorde wie ein Ostinato den einzigen klanglich und harmonisch genau definierten Anhalts-Punkt (im doppelten Wortsinne) bildeten.
Einen erfrischenden Gegensatz zu den jüngeren Komponisten stellten die Werke der beiden „Klassiker“ des Abends, Alfred Schnittke und Vladimir Tarnopolski, dar. Schnittkes zwei ironische Miniaturen, herrlich pointiert dargeboten durch das Akkordeon-Duo, und Tarnopolskis Ensemblewerk „Eindrücke – Ausblicke“ spannten einen weiten musikalischen Horizont auf, ohne weder ins demonstrativ-Avantgardistische noch ins Konserative zu verfallen. Das Ensemble El perro andaluz nahm denn auch am Ende des langen – da ohne Pause dargebotenen – Programms noch seine Kräfte zusammen und erschuf mit Reaktionsbereitschaft und Engagement einige spannende Augenblicke in Tarnopolskis kontrastreichem Werk.

Welchen Nachgeschmack hinterläßt nun dieses musikalische Bankett? Von „Tradition“ und „typisch russisch“ war zwar an diesem Abend die Rede, doch das klingende Resultat ließ das Fragezeichen des Konzerttitels „Rußland – Klassiker der Moderne!?“ im Raum stehen. Diese jungen russisch-deutsch-kosmopolitischen Komponisten gehören einer Generation an, die ihre Identität und ihren Platz in unsere globalisierten Welt neu finden muß. Es ist ihnen nicht zu verübeln, daß sie suchen, fragen und experimentieren, statt fertige Antworten zu akzeptieren. Insofern zeigte dieser Konzertabend, daß Kategorien wie Nationen, musikalische Traditionen oder kulturelle Identitäten nicht mehr so einfach auf zeitgenössische Musik angewandt werden können. Statt nach dem „typisch Russischen“ zu suchen, bleibt bei uns selber die Frage hängen, wie „deutsch“ oder „globalisiert“ wir selber in unserem kulturellen Selbstverständnis sind. Dieses Problem läßt sich vielleicht am Besten mit Freunden beim nächsten Sushi-Essen klären.

Sonntag, 6. Juni 2010

Britischer cliffhanger made in Sachsen

Dresden, im Juni 2010. Während die Stadt unter Sommerhitze brütet, lädt das Kleine Haus zu einem Ausflug ins Herz der Finsternis. Gemeinsam mit Studenten der Hochschule für Bildende Künste und der Musikhochschule Dresden entstand in den vergangenen Monaten eine Opernproduktion von Benjamin Brittens Kammeroper "The Turn of the Screw", die am 12. Mai Premiere feierte. Die zugrundeliegende Novelle von Henry James ist auf den ersten Blick ein Schauerstück in bester schwarz-romantischer Tradition von E.T.A. Hoffmann oder Oscar Wilde. Doch bei näherem Hinsehen erweist sich der Text als brüchig, geradezu kafkaesk: Was ist wahr, was Halluzination in der engbegrenzten Welt der Gouvernante, die zwei verwaiste Kinder betreuen soll? Sind die beiden "bösen Geister" Quint und Mrs. Jessel Teil der Realität oder existieren nur in der Phantasie des Kindermädchens und ihrer Schützlinge? Und welchen Anteil am bösen Geschehen hat Mrs. Grose,
die Haushälterin?

Von Anfang an entfaltet sich wie im Märchen ein dicht gesponnener Erzählfaden. Der rezitativische Prolog geht nahtlos über in die Handlung, wo sich ebenfalls innere Monologe oft nicht von äußerer Aktion und Traumerscheinungen trennen lassen. In guter englischer cliffhanger-Tradition windet sich der Plot, das Unbehagen steigt, steigt, noch ein bißchen, noch ein bißchen, und die Musik vollzieht den Spannungsbogen mit. Brittens Klangsprache, die meist eher in die Schublade des "Konservativen" eingeordnet wird, untermalt nicht nur farb- und facettenreich, sondern ist selbst in den romantischsten oder kindlich-humoristischen Passagen stets hintergründig, widerborstig und läßt den Hörern das Unbehagen unter die Haut kriechen. Blitzschnell wechseln vibrierende Orchesterflächen mit sich windenden Bläserlinien ab, und auf sinfonische tutti-Aufwallungen folgen intime solistische Passagen. Dabei kann es sich Britten, der selbst Bratschist war, nicht verkneifen, hie und da wunderbare Bratschen-Soli einzustreuen. Trotz relativ sparsamer Kontrapunktik wirkt die Musik sehr dicht und hält auch über längere Szenen hinweg die intensive bedrohliche Spannung, die der langsam fortschreitende Plot aufbaut, drängt sich gleichzeitig aber nie in den Vordergrund.

Das Orchester, bestehend aus Musikern der Hochschule für Musik, gestaltet einfühlsam die wechselnden Farben und Stimmungen, läßt jedoch an einigen Stellen die Beweglichkeit und Reaktionsschnelle eines gut eingespielten Opernorchesters vermissen. Der Dirigent Lennart Dohms, der über reiche Erfahrungen mit der Musik der Moderne verfügt, leitete das Ensemble gewohnt engagiert und souverän. Angesichts vieler großer ausladender Gesten hätte man sich von ihm allerdings an sensiblen Stellen mehr Zurückhaltung und Präzision wünschen können. So gelangen zwar die schön bedrohlich sich aufbauenden Klangflächen, doch ging etwas von
der Feinheit und Brüchigkeit der an Zwischentönen reichen Partitur verloren.

Auch das Sängerensemble erweist sich als seiner Aufgabe gut gewachsen. Die anfangs noch ein wenig kühl agierende Eunhye Lim als Gouvernante singt und spielt sich in ihre Rolle förmlich hinein und läuft im zweiten Akt zu Hochform auf. Nicht minder stimmlich wie schauspielerisch überzeugend ist ihre Partnerin Amelie von Grundherr als streng-moralische Mrs. Grose. Quint und Mrs. Jessel als ihre böse Gegenspieler (hervorragende schauspielerische Leistung von Min Seok Kim und Rebekka Gruber) gelingt es von Anfang an, mit stimmlicher Fülle souverän und unerbittlich die Szene zu kontrollieren. Gegen die starken erwachsenen Hauptrollen wirken die beiden Kinder Flora und Miles von Anfang an verloren. Teresa Suschke als Flora spielt das augenscheinlich engelhafte Mädchen mit viel Überzeugung, kann aber musikalisch ihrer Rolle nicht die nötige leichte, bewegliche und trotzdem ernsthafte Stimme verleihen, die an dem Blondchen noch die bösen Abgründe ahnen läßt, denen das Kind sich nähert. Karolin Trübenbach als Miles zeigt mehr gefestigten Charakter, kann aber ebenfalls die Doppelbödigkeit des zwischen "Gut" und "Böse", Wahrheit und Wahn scheiternden Jungen nicht völlig überzeugend darstellen. Alles in Allem gelingt den Sängern trotzdem eine überzeugende Darbietung, die nur durch die mangelnde Textverständlichkeit, gerade in Ensembleszenen, etwas getrübt wird.

Das schlichte und dennoch in sich schlüssige Gestaltung der Szenen und Kostüme zeichnet Brittens Stück als vor allem inneres Drama, das sich durchweg in einem geschlossenen, dunkel getäfelten Raum abspielt. Dieser bietet in seiner strengen Einfachheit eine Menge Stoff für Assoziationen: Anfangs erscheint er als Schutz vor Bedrohungen durch die Außenwelt, wandelt sich aber hin zur (imaginierten? realen?) Kammer des Schreckens. Die nach außen sich öffnenden Flügeltüren, die Freiheit versprechen mögen, führen dabei grellweiß erleuchtet ins Nichts und dienen den Figuren als Fluchtwege, vor ihren Mitmenschen genauso wie vor sich selbst. Auf die tiefenpsychologischen Inhalte des Stoffes, der schon oft wissenschaftlich thematisiert wurde, geht diese Interpretation nur am Rande ein. Die Inszenierung, bei der Andreas Baumann Regie führt, ist das „Meisterstück“, die Diplomarbeit der Studentin Lea Maud-Charlott Klein von der Hochschule für Bildende Künste.

Brittens Oper wird in Dresden im wahrsten Sinne des Wortes als bedrückendes Kammer-Spiel präsentiert, das gleichermaßen sehens- und hörenswert eine wertvolle Bereicherung des diesjährigen Spielplanes darstellt. Gleichzeitig zeigt die Produktion, daß der Dresdner Musiker- und Künstlernachwuchs sehr wohl mit höher budgetierten Opernensembles mithalten kann.